Mein Schuhtick und ich

Cinderella lässt grüßen

„Das mit deinem Schuhtick solltest du ja irgendwann auch mal analysieren lassen!“ Schon vor vielen Jahren stieß eine Freundin diesen Stoßseufzer aus, vermutlich angesichts meines begeisterten Berichts über einen gelungenen Schuhkauf. Ja klar, ich habe schon das ein oder andere Paar schwarze Pumps – aber mit dieser speziellen Absatzform und dem eckigen Zuschnitt vorne ergänzt dieses neue Paar meine Sammlung einfach perfekt!

Ich brauche keine professionelle Hilfe, um meine Leidenschaft für Schuhe zu erklären. Gerade wenn man wie ich auf einen eher klassisch-zeitlosen Kleidungsstil setzt, erlauben schöne Schuhe modische Akzente, die das Abgleiten ins Langweilige verhindern. Ein schwarzer Hosenanzug mit den roten Hester van Eeghen-Pumps kombiniert (Model „Ava Gardner“), ein schlichter knielanger Rock mit diesen nebelgrauen Schnürschuhen mit den sensationell schmal zulaufenden Absätzen aufgepeppt … Der spielerische Umgang mit Schuhen knüpft nahtlos an die Lust am Verkleiden an, die den meisten Kindern – nicht nur den Mädchen! – angeboren ist.

Kulturelle Prägung vs. direkte Anschauung

Auffällig viele Mädchen zeigen schon sehr früh ein ausgeprägtes Interesse an Schuhen. Offenbar sind dabei kulturelle Prägungen – man denke nur an die zahlreichen Märchen, in denen die Prinzessinnen-Schuhe eine zentrale Rolle spielen – wichtiger als die direkte Anschauung im familiären Umfeld. Das Schuhregal meiner Mutter hatte mir in den öko- und gesundheitsbewussten 70er Jahren enttäuschend wenig zu bieten, wenn ich beim Verkleiden verzweifelt Ausschau nach Hochhackigem hielt. Wenn auch sicherlich schonend für Wirbelsäule und Venenfluss, eignen sich Birkenstock und Co. in keinster Weise für Cinderella-Projektionen. Meinen eigenen Töchtern stand da deutlich mehr Material zur Verfügung! Bereits im zarten Alter von zweieinhalb Jahren stöckelten sie auf meinen Schuhen durch unsere Wohnung und spielten „Ich bin groß“.

Mit dem Lauftraining auf hohen Absätzen kann man ja gar nicht früh genug beginnen, wenn das Ganze später mal überzeugend aussehen soll. Wie oft schon habe ich junge Frauen auf schwindelerregenden zehn oder zwölf Zentimetern – manchmal sogar zuzüglich einiger Zentimeter Plateau – an dieser Aufgabe scheitern sehen! Ich selbst habe vor einiger Zeit Frieden mit der Tatsache geschlossen, dass mehr als acht Zentimeter bei Schuhgröße 37 einfach merkwürdig aussehen. Bei einem solchen Anblick bricht der Betrachter nicht in Bewunderung aus, sondern in Sorge, die Trägerin dieser Schuhe werde gleich vornüber kippen.

Kunst zum Anziehen

Neben dem unschlagbaren ästhetischen und spielerischen Potential, das Schuhen innewohnt, gibt es natürlich auch ganz pragmatische Gründe, warum Millionen Frauen Schuhe lieben. Schuhe kann man anprobieren, ohne sich vorher in engen Umkleidekabinen mühsam aus allen Kleidungsschichten zu pellen. Im Gegensatz zu einer neuen Jeans oder einem Kleid passen sie immer, egal, ob man gerade ein paar Kilo mehr auf der Hüfte hat oder nicht. Auf diese Weise lässt sich im Laufe der Jahre eine hübsche Sammlung aufbauen.

Bei den wahren Schuhfetischistinnen gibt es folgerichtig gelegentlich auch Exemplare, die zeitlebens nie zum praktischen Einsatz kommen, sondern nur das Schuhregal schmücken. Aber was heißt hier nur? Ich selbst besitze hinreißende, mit Seide bestickte Pantoletten, die sich leider aufgrund ihres schlecht austarierten Absatzes nicht für den Straßeneinsatz eignen, noch nicht einmal in der Kategorie „Vom Taxi in die Oper“. Aber sie sehen einfach toll aus, wie sie da im Regal stehen. Ich betrachte sie deshalb einfach als Kunstobjekt, wie Schuhe überhaupt: Kunst zum Anziehen – und manchmal eben auch nur zum Anschauen.