Obenrum und untenrum

Wenn ich als Kind ein paar Ferientage bei meinen Großeltern verbrachte, hingen am Waschbecken im Gästezimmer immer zwei Waschlappen und zwei Handtücher: für „obenrum“ und „untenrum“. Mit diesen Worten erläuterte mir damals meine Großmutter etwas verdruckst die Funktion der verschiedenen Frottierwaren, mit diesen Erinnerungen ist seitdem für mich das Wort „untenrum“ verknüpft. Zu Hause wehte ein anderer Wind. Meine liberalen, für freie Liebe eintretenden Eltern legten Wert auf direkte Rede und offene Aussprachen. Auch wenn mir das als Heranwachsender phasenweise durchaus unangenehm war, kann ich doch sagen: Sex und Körperlichkeit waren in meiner Familie verbal hinreichend erschlossen, auch an aufklärender Lektüre herrschte kein Mangel.

Wenn die Worte fehlen

Die Autorin Margarete Stokowski ist 1986 geboren und damit 13 Jahre jünger als ich. Geboren in Polen, aufgewachsen in Berlin, erfuhr sie in ihrer katholischen Familie eine andere Sozialisation. Als sie sich mit vier Jahren bei einem Unfall am Unterleib verletzte, fehlten ihr schlicht die Worte, diesen Vorgang ihren Eltern mitzuteilen. Als sie mit 16 vom Leiter der Schach AG in dessen Auto vergewaltigt wird, kennt sie die Wörter „Übergriff“ und Vergewaltigung“ zwar, kommt aber gar nicht auf die Idee, dass sie die angemessenen Bezeichnungen für das sein könnten, was sie erlebt hat – schließlich ist sie ja freiwillig in sein Auto gestiegen.

Heute zählt Margarete Stokowski zu den profiliertesten jungen deutschen Feministinnen. Seit 2015 schreibt sie die Kolumne „Oben und unten“ auf Spiegel online, davor arbeitete sie unter anderem für die „Missy“ und die taz. „Untenrum frei“ heißt ihr erstes Buch – ein Zwitterwesen aus Sachbuch und Autobiografie, aus Gesellschaftskritik und persönlicher Emanzipationsgeschichte. Sie untersucht darin nach wie vor wirksame geschlechtsspezifische Rollenbilder, analysiert Schamgefühle, Sprachlosigkeit und Denkbarrieren. Die zentrale These ist schnell auf den Punkt gebracht: „Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.“

Diffuses Sex-Versprechen?

Sexuelle Befreiung also – wirklich? Sind wir denn nicht längst sexuell befreit? Ist Sex nicht derart allgegenwärtig – in der Werbung, medial, im gesellschaftlichen Diskurs? Margarete Stokowski ist anderer Meinung: „Wir sind nicht umgeben von Sex, sondern von einem diffusen Versprechen von Sex“, schreibt sie. Und: „Während wir glauben, wir – oder die Generationen vor uns – hätten die Fesseln des Patriachats längst gesprengt, haben wir nur gelernt, mit ihnen shoppen zu gehen.“ Allen Menschen, die meinen, alles in allem sei es um die Geschlechtergerechtigkeit hierzulande doch schon recht gut bestellt, sei ein Blick in die Statistiken über Lohngerechtigkeit, „Gender Pay Gap“, Erziehungszeiten oder auch schlicht in die einschlägigen Frauen- und Männermagazine empfohlen.

Einerseits gendertheoretisch mit allen Wassern gewaschen, andererseits mit gewohnt schnoddrigem Ton nimmt die Autorin diese und viele weitere Missstände unter die Lupe und fragt zu Recht: „Ist es denkbar und wünschenswert, dass die Art, wie wir heute leben, das abschließende Ergebnis aller Kämpfe und Diskussionen um Gleichberechtigung ist?“ Auch wenn einfache Lösungen nicht in Sicht sind – die von Margarete Stokowski propagierte „Poesie des ‚Fuck You‘“ kann ein guter erster Schritt sein, sich gegen Bevormundung und Rollenzuschreibung zu wehren: „Ein Großteil feministischen Handelns besteht darin, sich nicht verarschen zu lassen (…). Wir haben sowieso schon verloren, wenn wir denken, wir können es allen recht machen.“ Eine Aussage, die für Frauen ebenso wie für Männer (oder alle anderen möglichen Trans-, Inter- oder sonstigen Gender-Identitäten) gelten dürfte.

Margarete Stokowski: „Untenrum frei“. Rowohlt 2016. 256 Seiten, 19,95 Euro